Gasometer für Kunst oder Büros?

Der Rat der Stadt Münster hat am Mittwoch die Aufstellung eines Bebauungsplans für das Areal um den alten Gasometer beschlossen. Die Vorlage deutet an, in welche Richtung es gehen wird: „Die grundsätzliche Entwicklungsoption der Schaffung neuer gewerblicher (Büro-) Flächen ist aus städtebaulicher Sicht zu empfehlen“, heißt es. Anders formuliert: Es wäre keine Überraschung, wenn in dem denkmalgeschützten Gasometer künftig ein Bürogebäude entstehen würde, ein weiterer „hipper“ Standort für Startups mit industriellem Chic.

Wie die „Westfälischen Nachrichten“ schreiben, wurde die Entscheidung von der Ratsmehrheit mit einer Protokollnotiz versehen, nach der ein neuer Bebauungsplan keineswegs als Absage an den Verein „Sozialpalast“ zu verstehen sei, der dort im vergangenen Jahr als freier Kulturträger Veranstaltungen und Angebote durchgeführt hatte.

Das Gasometer am Albersloher Weg.
Das Gasometer am Albersloher Weg.

Zum Hintergrund: Der 52 Meter hohe Gasometer befindet sich mitsamt Grundstück im Besitz der Stadtwerke. Der Erdgasspeicher wurde 1954 erbaut und war bis 2005 in Betrieb. Als technisches Baudenkmal steht er heute in der Denkmalliste der Stadt Münster. Die Stadtwerke haben keine weitere Verwendung für das Ensemble, das gesamte Grundstück soll verkauft werden und einer „Nachfolgenutzung“ zugeführt werden, wie es heißt. Dafür braucht es einen Bebauungsplan, der dann genau regelt, was dort möglich ist und was nicht.

Die Eckdaten sind zumindest klar: Bebaut werden darf nur das Innere des Gasometers, der heute im Grunde aus einer reinen Bodenplatte und dem umgebenden Gerüstaufbau besteht, sowie das dazugehörige Pumpenhaus. Eine weitere Bebauung der rund 1,3 Hektar großen Fläche ist nicht geplant. Versiegelt werden sollen also nur die verfügbaren 2.600 qm, mit Blick auf die möglichen Geschossflächen stünden so rund 18.000 qm zur Verfügung. Schalluntersuchungen hätten zudem ergeben, dass eine Wohnbebauung nicht möglich ist.

Die Vorgabe ist dabei breit gefasst: Das Grundstück soll „sowohl nutzungsstrukturell als auch städtebaulich / architektonisch einen hochwertigen Nutzungsvorschlag erhalten“.

Das Gasometer am Albersloher Weg: Das Wolfgang-Borchert-Theater führt hier 2012 den „Sommernachtstraum“ auf.

In den vergangenen Jahren wurde der Gasometer vielfältig genutzt: Das Wolfgang-Borchert-Theater führte 2012 Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ auf – mit rund 50 und fast ausgebuchten Terminen. Im Jahr 2014 war das Gebäude Gegenstand einer Bachelorarbeit. Ab 2016 prüfte der münsterische Ableger des Deutschen Alpenvereins die Nutzung des Speichers als Vereins- und Sportgelände „Mount Gaso“. Die Planungen wurden mangels Finanzierbarkeit 2018 aufgegeben. Auch das „Theater Titanick“ nutzte den Gasometer für ein Open-Air-Spektakel.

Dann schlug der Investor Hajo Bierbaum den Bau einer Art Containersiedlung innerhalb des Gasometers vor. Bis zu 430 Seecontainer hätten dort „jungen Familien“ eine ungewöhnliche Heimat bieten können – doch auch diese Nutzung wurde nie konkret.

Zuletzt im vergangenen Jahr war der Verein „Sozialpalast“ dort mit zahlreichen Veranstaltungen tätig und will den Gasometer auch künftig als Ort für die freie Kulturszene nutzen und entwickeln.

Das und eine geplante Büro-Nutzung würden sich wohl in einigen Bereichen widersprechen, weswegen die Entscheidung des Rates beim Verein sicher nicht nur für völlige Freude gesorgt haben dürfte. Zuletzt Ende 2021 hatte der Verein auch öffentlich für den Erhalt des Gasometers als Kulturzentrum geworben:

Gasometer Münster: Der Verein Sozialpalast will das Areal kulturell nutzen.

Der Verein, der zuletzt einen Mietvertrag bis Ende 2021 besaß, hat klare Ziele: „Unsere Vision: Ein Ort, der uns miteinander vernetzt und soziale Nähe, Politische Bildung, Kunst und Kultur in der Stadt erlebbar macht. Ein Ort der vernetzten, nicht-kommerziellen Gemeinsamkeit. Und das von unten und selbstorganisiert. Egal wie viel Kohle du hast. Wir wollen weiterhin über eine zukünftige (Zwischen)Nutzung ins Gespräch kommen. Im Jahr 2022 können wir unser Konzept weiter erproben und zeigen, dass unsere Idee nachhaltiger, demokratischer und besser für Münster ist als eine private Kommerzialisierung. Wir stellen uns dem Ausverkauf der Stadt entgegen. Wir gestalten Münster, für Münster.“

In diesem Gedanken ähnelt das Ziel sehr dem der „B-Side“, einem ebenfalls selbstverwalteten Kulturzentrum in einem alten Gebäude am Hafen, das derzeit hergerichtet wird.

Im Dezember hatten die Grünen in Münster einen Offenen Brief an die Stadtwerke gerichtet und darin für eine Verlängerung des Mietvertrags geworben: „Das ehrenamtliche Engagement, das an dieser Stelle geleistet wird, verdient die Chance am Ort ein langfristiges und tragbares Konzept zu erarbeiten. Gleichzeitig haben wir Verständnis für Ihr Anliegen, eine dauerhafte Nutzung des Geländes vorzubereiten und dafür die notwendigen Arbeiten zeitnah durchzuführen. Wir bitten Sie deshalb, dem Sozialpalast e.V., idealerweise durch Verlängerung des Mietvertrages, eine möglichst breite Nutzung des Geländes bis auf Weiteres zu ermöglichen.“

Zum Zeithorizont: Es wird zunächst darum gehen, ein Bauleitplanverfahren einzuleiten und die betroffenen Behörden einzubeziehen. Der konkrete Bebauungsplanentwurf wird erst gestaltet, wenn die Ergebnisse des Vergabeverfahrens vorliegen, also die geplante Architektur abzusehen ist. Zu diesem gesamten Verfahren gehört dann auch eine Machbarkeitsstudie, in der die Untersuchungen auf Altlasten, die Sanierung des Stahlgerüsts oder auch die Schallbelastung geprüft werden. Ehe auf dem Gelände des Gasometers also wirklich gebaut wird, werden noch einige Jahre ins Land gehen.

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