Versuchslabor Münster

Kaum ein Thema (außerhalb der Pandemie) scheint Münster seit Sommer so zu beschäftigen wie die verschiedenen Verkehrsversuche. Da war die mittlerweile wieder aufgehobene Vorfahrtsregelung für Radfahrer auf der Promenade. Da war die Sperrung der Hörsterstraße für den Durchgangsverkehr. Da war die Einrichtung der Busspur am Bahnhof. Das alles fand parallel zu Bauarbeiten auf dem Hansaring und Hohenzollernring statt, die den Verkehr im östlichen Bereich der Stadt bis heute verkomplizieren. Nun darf man davon ausgehen, dass nicht jeder Verkehr vor dem Bahnhof oder auf der Hörsterstraße ausschließlich mit dem Verkehr auf dem Ring oder dem Verkehr stadtauswärts zu tun hat, aber in der Wahrnehmung vieler Verkehrsteilnehmer hat der Stau hier immer mit dem Stau dort zu tun. Es war ein bisschen viel auf einmal, vieles als Einzelmaßnahme erklärt, aber für die meisten Beobachter eben ein großer Haufen von Themen – und Umstellungen. Zudem wird grundsätzlich jeder Eingriff in den Verkehr als Eingriff in die private oder berufliche Mobilität verstanden.

Und jetzt das: Die Stadtverwaltung will den Durchgangsverkehr vom Schlossplatz bis zur Fürstenbergstraße sperren. Das ist die Verbindung über die Münzstraße, am Theater vorbei, die Voßgasse zum Bült hoch und dann weiter über die Mauritzstraße. Ausgesperrt werden soll der motorisierte Individualverkehr, testweise für mindestens drei Monate. Passieren dürfen z.B. Busse oder Lieferverkehr.

So sieht es ein Änderungsantrag von Bündnis90/Die Grünen, SPD und Volt vor, der am 28. Oktober den Rat passierte. Darin heißt es: „Es wird geprüft, ob mit dem Projekt Hörster Parkplatz verbunden werden kann, versuchsweise eine Durchfahrsperre für den Durchgangsverkehr am Bült für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten zu erproben. Die Durchfahrt für öffentliche Verkehre, Lieferverkehre und die Verkehre des Umweltverbundes soll dabei erhalten bleiben.“

Gemeint ist damit: Vom Schlossplatz kommend geht es für den privaten Autoverkehr bis etwa zum Theater. Und von der Warendorfer Straße kommend etwa bis zur Stadtbücherei – so in etwa. Am Bült wird es dann eine wie auch immer geartete Sperrung geben, Details sind ja bisher nicht bekannt, schließlich beginnt die Prüfung nun erst.

Der Bült im Herzen der Stadt.

Der Versuch gehört zu einem Fördermittelabruf „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ des Bundesinnenministeriums (BMI). Mit 250 Millionen Euro werden verschiedene Projekte mit „innovativen Konzepten und Handlungsstrategien“, die Innenstädte und Zentren stärken. Die Corona-Pandemie mit ihren Auswirkungen auf die Zentren waren dabei Auslöser dafür, „Neues auszuprobieren und Experimente in der Stadtentwicklung zu wagen“. Ziel sei, so das BMI, Stadtkerne und Dorfkerne attraktiv und lebenswert zu halten.

Streng genommen also geht die Idee, auch in Münster „Neues“ zu wagen, nicht komplett auf die Kappe irgendwelcher „links-grüner“ Ratsmehrheiten, sondern ist eine weithin anerkannte Idee, die eben auch, aber nicht nur in Münster umgesetzt wird. Wer also auf Facebook „Geldverschwendung“ schrei(b)t, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es hier um förderfähige Projekte geht, die bundesweit umgesetzt werden. Und zu deren Wesenskern es gehört, „Experimente zu wagen“.

Sitzen statt parken am Bült. Was ist für Menschen wohl angenehmer und schöner?

Vermutlich gibt es insgesamt sogar ein großes Verständnis, vielleicht sogar einen Konsens darüber, dass dem Auto in der Innenstadt Münsters viel Raum eingeräumt wird. Das ist in Münster ein viel größeres Problem als in Städten wie Dortmund oder anderswo, weil der Innenstadtbereich immer noch der einer überschaubaren Mittelstadt ist. Vergleichsweise enge Straßenzüge mit wenig Verkehrsraum für viele Teilnehmer: Das gibt es in anderen Städten so nicht, vor allem nicht in vergleichbar großen Städten.

Münsters Kardinalproblem ist, dass nach den Zweiten Weltkrieg ein eklatanter Mangel an Weitsicht zur Aufgabe jeder alternativen Form von ÖPNV geführt hat. Straßenbahnen, gar eine U-Bahn? Davon träumt die Stadt nur. In keiner anderen Großstadt hängt der öffentliche Personennahverkehr derart von Bussen allein ab – und würde die Stadtgröße Münsters nicht das Fahrrad ohnehin sinnvoll machen, hätte die Stadt viel größere Probleme.

Damit der ÖPNV rollt und attraktiver wird, muss er pünktlich sein und vielleicht auch ausgebaut werden. Aber das geht nicht, wenn alle anderen einfach weiter fahren wie bisher. Zumal die Aufenthaltsqualität gerade in der Innenstadt überall dort besonders groß ist, wo eben keine Autos mehr fahren. Es ist noch gar nicht so lange her, seit Autos noch über den Prinzipalmarkt fahren durften – vermisst die eigentlich irgendjemand?

Die aktuelle Ratsmehrheit hat einen klaren Wunsch formuliert. Die Innenstadt soll bis 2025 weitgehend autofrei sein. So steht es im Koalitionsvertrag. „Dazu wollen wir einen Paradigmenwechsel einleiten, der eine deutliche Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs zum Ziel hat“, heißt es weiter. „Wir investieren in den Ausbau des ÖPNV und fördern den Rad- und Fußverkehr. Wir schaffen die Voraussetzungen, die enormen Pendlerströme in Münster zum Umstieg auf nachhaltige, sichere und klimaschonende Verkehrsmittel zu bewegen.“

Das ist der Knackpunkt bei allen Versuchen: Ohne Alternativen werden alle Ideen und Maßnahmen scheitern. An der Akzeptanz der Menschen. Eine Stadt wie Münster lebt in einem hohen Maße von auswärtigen Besuchern. Gegner aller Verkehrsversuche warnen vor der Gefahr, das Besucher einen Bogen um die Stadt machen würden, falls sie mit dem Auto nicht mehr bis in die Innenstadt hineinfahren können. Aber ist das wirklich so? Kommen Besucher der Parkplätze wegen oder wegen der ziemlich einzigartigen Innenstadt und ihrer Aufenthaltsqualität? Wenn es dann nur um logistische Fragen geht, also wie der Einkauf aus dem Stadtkern zum Auto (oder zur Bahn oder Bus) transportiert werden kann, müsste das lösbar sein.

Den Versuch an der Promenade einmal ausgenommen: Die Hörsterstraße (siehe Bilder) hat die Möglichkeiten aufgezeigt. Statt Autos, die sich neben Radfahrern durch die enge Straße quetschen, war auf einmal Platz für Menschen und Entspannung.

Die Hörsterstraße ohne Autos.
Die Hörsterstraße mit Autos.

Und die neue Busspur am Bahnhof beschleunigt den Busverkehr gerade an dieser Stelle – und sorgt dabei zu Stoßzeiten für längere Wartezeiten für Autos.

Das grundsätzliche Thema ist: Wie anders als mit „wir versuchen es mal“ sollen Erfahrungen gewonnen werden? Glaubt ernsthaft noch jemand, dass die Zukunft der Innenstädte dem privaten Autoverkehr gehört? Sicher, das wird an der einen oder anderen Stelle lästig sein und Einschränkungen und Umstellungen erfordern. Doch das Ergebnis im Straßenraum wird für alle besser werden: Ruhiger, vielfältiger, bunter.

Für Anwohner braucht es gute Lösungen. Für Lieferverkehre muss Platz bleiben, denn falls der Wandel hin zu den Onlinemarktplätzen bestehen bleibt, muss die Ware irgendwie zum Kunden. Aber auch für die klassischen Ladengeschäfte müssen ja Lieferwege vorhanden sein. Und natürlich wird am wichtigsten sein, Kunden und Besuchern eine alternative Mobilität zu geben. Und wie kann man dazu Erfahrungen sammeln? Wie lernt man am besten?

Genau.

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1 Kommentar

  1. […] neue Busspur hatte im vergangenen Jahr für einige Diskussionen gesorgt. Als Teil der Verkehrsversuche wurde dem normalen Autoverkehr vor dem Hauptbahnhof eine Fahrbahn gestrichen und dem Busverkehr […]

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